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Die Grande Dame der Zürcher Politik

Monika Weber, erklärter Fan von Gottlieb Duttweiler, hat ausser dem Bundesrat alle Staatsebenen erlebt und mitgeprägt. Visit hat die agile 83-Jährige an ihrem Wohnort in Zürich Seebach besucht.

Text: Robert Bösiger, Foto: Christian Roth

Schauplatz Bundeshaus, 1. Februar 1989. Die Vereinigte Bundesversammlung muss wegen des Rücktritts von Elisabeth Kopp ein neues Mitglied in den Bundesrat wählen. Neben Kaspar Villiger, dem im 1. Wahlgang mit 124 Stimmen klar gewählten Freisinnigen, steht unter anderem auch die populäre Zürcher Ständerätin Monika Weber zur Wahl. Sie erhält 33 Stimmen. Als Mitglied des in den letzten Jahren schrumpfenden Landesrings der Unabhängigen (LdU) sei sie «absolut chancenlos» gewesen, erinnert sich Monika Weber. Zehn Jahre später löst sich die von Migros­ Gründer Gottlieb Duttweiler Mitte der 1930er Jahre ins Leben gerufene Partei auf.

Diese (erwartete) Nichtwahl bleibt im Leben von Monika Weber die einzige Wahl, die sie nicht hat gewinnen können. In den kommenden Jahren hat sie die Entscheidung gefällt, für den Zürcher Stadtrat zu kandidieren. Auf Anhieb schafft sie den Einzug in die Stadtregierung, wo sie bis ins Jahr 2006 als Vorsteherin des Schul-­ und Sportdepartements wirkt. Mit 63 Jahren steigt sie selbstbestimmt aus dem Berufsleben aus. «Ich wollte nicht, dass eines Tages jemand kommt und mich fragt, wann ich denn den Rücktritt geben wolle.»

Mit ihrem Rücktritt ist eine beispiellose Politkarriere zu Ende gegangen, die so weder geplant noch hätte vorausgesehen werden können. Monika Weber erblickt am 18. März 1943 in Zürich das Licht der Welt. Zusammen mit zwei jüngeren Geschwistern verbringt sie eine schöne und recht glückliche Kindheit. Sie besucht die Schulen immer in der Absicht, später einmal Lehrerin zu werden. Doch kurz vor der Matur bricht sie die Mittelschule aus persönlichen Gründen ab und heuert zunächst bei der Rentenanstalt an und später bei einer Heizungsfirma. Etwa zehn Jahre später holt sie die Matur auf dem zweiten Bildungsweg nach und studiert Philosophie und Politologie.

EINE NEUE WELT GEHT AUF

Als Studentin wird sie auf der Liste des Landesrings der Unabhängigen (LdU) ins Kantons­parlament gewählt – damals als jüngste und als eine der ersten Frauen. Denn eben erst (am 7. Februar 1971) haben die Schweizer Männer den Frauen das Stimm-­ und Wahlrecht zugebilligt. Für sie sei «eine neue Welt aufgegangen», wie sie berichtet: «Plötzlich hatte ich 179 neue Kolleginnen und Kollegen, die allesamt unterschiedlich waren. Damals habe ich gelernt zu akzeptieren, dass andere auch komplett anders denken können.» Dem LdU ist sie übrigens beigetreten, «weil ich immer ein Dutti-­Fan war».

Nach Abschluss des Studiums erhält sie vom Konsumentinnenforum die Anfrage, ob sie das Amt der geschäftsführenden Präsidentin übernehmen wolle. Sie will. In dieser Rolle ist sie treibende Kraft hinter der «Volksinitiative zur Verhinderung missbräuchlicher Preise», die vom Volk angenommen wird und zur Schaffung des Preisüberwachers führt.

Auch im Zusammenhang mit dem Hormonskandal und dem von den Konsumentenorganisationen ausgerufenen Kalbfleischboykott erlangt Monika Weber landesweite Popularität. Sie erinnert sich lachend an die damals von Medien und Basler Schnitzelbänklern gemachten Titel und Verse. So habe die «Urner Zeitung» getitelt: «Die Hormonika vom LdU lässt die Kälber nicht in Ruh» … 1985, damals schon seit drei Jahren Mitglied in der grossen Kammer, wird sie Generalsek­retärin des Schweizerischen Kaufmännischen Verbands. 1987 setzt sie sich in einem denk­ würdigen Wahlkampf gegen SVP-Schwergewicht Christoph Blocher durch und wird in den Ständerat gewählt. 1991 wird sie als erklärtes «Migros­-Kind» Direktorin im Migros­ Genossenschafts ­Bund, zuständig für Wirtschaftspolitik und Konsumentenfragen.

POPULÄRE STÄNDERÄTIN UND STADTRÄTIN

Am besten gefallen habe es ihr im Ständerat. Sie erinnert sich gerne daran, wie man alljährlich mit dem Salonwagen in den Kanton des neuen Ständeratspräsidenten oder der neuen Ständeratspräsidentin an deren Fest habe fahren dürfen und miteinander ein Lied angestimmt habe. Eine fast mystische Stimmung sei es auch gewesen, als jeweils die Ratsmitglieder bei den Schluss­abstimmungen nach vorne an den Tisch in der Mitte des Saals kamen, um einander die Hände zu schütteln.

Doch auch das Amt der Stadträtin habe sie sehr befriedigt. «Da hatte ich plötzlich rund 30’000 Kinder und 6’000 Lehrpersonen», sagt sie, die nie verheiratet war und keine eigenen Kinder hatte. Auch heute stehe sie noch mit vielen Leuten in Kontakt, mit denen sie im Verlaufe ihres beruflichen und politischen Lebens zu tun hatte. Selbstverständlich realisiere sie, dass sie bereits 83­jährig sei, räumt Monika Weber ein und schmunzelt. Regelmässig geht sie ins Fitness im nahe gelegenen Gesundheitszentrum und geht täglich etwa eine Stunde laufen. Und – sie lächelt wieder ihr charmantes Lächeln – «viermal pro Woche mache ich Gymnastikübungen vor dem Fernseher».

Um geistig aktiv zu bleiben, lernt sie gerade Italienisch und beteiligt sich an einem Literaturtreff. Im Moment liegt das Büchlein «Auf ganz dünnem Eis» von Peter Stamm auf dem Nachttisch. Die NZZ und den «Tagi» liest Monika Weber jeweils am Morgen elektronisch. Seit einiger Zeit auf der Suche ist sie nach einem Chor, der «nicht unbedingt Kirchenlieder, sondern Volkslieder» im Repertoire hat. Denn das Singen gehöre auch zu ihren Leidenschaften.

Frau Weber, wie sollen sich die Menschen dereinst an Sie erinnern? «Ach, man sollte sich nicht überschätzen – erst recht nicht in dieser schnelllebigen Zeit. Eines Tages ist halt einfach Schluss.»

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