Das Altersbild hat sich in den vergangenen hundert Jahren stark verändert. Und es entwickelt sich weiter. Was jedoch bleibt: Es zeigt stets nur einen Teil der gesellschaftlichen Realität.

Text: Vanessa Simili

Unabhängig, selbstbestimmt und aktiv – das Bild eines unbesorgten Lebensabschnittes nach dem Ende der Erwerbstätigkeit scheint allgegenwärtig. Werbeplakate, Inserate, Bilder im öffentlichen Raum vermitteln: Den Menschen bei uns geht es nach der Pensionierung gut. Vielleicht sogar so gut, wie noch nie in der Geschichte der Menschheit. Finanziell betrachtet ist mit der AHV, der zweiten und dritten Säule meistens ausgesorgt. Die Kommunikationstechnologie ermöglicht es, auch über grössere Distanzen allerlei Beziehungen zu pflegen. Und gesundheitlich profitieren wir von bester Hygiene und vom medizinischen Fortschritt. Aber stimmt dieses Bild tatsächlich? Und wie ist es entstanden?

Bilder aus dem Archiv von Pro Senectute zeigen, wie sehr sich das Bild des Alters verändert hat. Vor hundert Jahren war Alter oft gleichbedeutend mit Armut (Bild 1), ab den 1960er Jahren gab es Raum für Freizeitbeschäftigung (Bild 2), und ab den 1990er Jahren wurde gezielt Geselligkeit gepflegt wie etwa
bei Mittagstischen (Bild 3).

Heute geniessen ältere Menschen möglichst aktiv und selbstbestimmt den Lebensabschnitt, auch im Zusammensein mit Enkelkindern (Bild 4) oder beim Sport (Bild 5).

Altersbilder sind Vorstellungen, Konzepte und Stereotype, die sich auf jenen Lebensabschnitt eines Menschen beziehen, der mit dem Erreichen des Pensionsalters beginnt. Wir können also nicht über Altersbilder reden, ohne zu fragen: Wann gilt jemand überhaupt als alt?

«Diese Frage trug immer wieder zu Definitionsversuchen für das Alter bei», sagt François Höpflinger, emeritierter Titularprofessor für Soziologie an der Universität Zürich. «Dabei standen von jeher zwei unterschiedliche Gesichtspunkte im Zentrum: Zum einen wurde und wird das Alter anhand sichtbarer körperlicher Symptome bestimmt – namentlich eine gebückte Haltung oder die Benützung eines Gehstocks –, zum anderen wurden und werden chronologische Altersgrenzen verwendet, um den
Beginn des Alters festzulegen.» Durchgesetzt hat sich im Allgemeinen die Altersstufe 65 als Beginn
des Alters, orientiert am Normalrentenalter von 65 Jahren bei Männern. Die Forschung ist sich allerdings einig: «Das Alter» als homogene Gruppe gibt es nicht. Das kalendarische Alter ist nur eines von vielen möglichen gemeinsamen Merkmalen und längst nicht das aussagekräftigste.

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«Das Altersbild ist eng mit der Sozialpolitik verknüpft», erklärt Kurt Seifert, Sozialwissenschaftler und Autor der Publikation «Eine Jahrhundertgeschichte. Pro Senectute und die Schweiz 1917–2017». Was im Gespräch mit ihm klar wird: Allen Bildern gemeinsam ist, dass sie immer nur einen Teil der Situation wiedergeben. Und sie verändern sich mit der Zeit.

Vor hundert Jahren war das gängige Bild des Alterns oft mit Armut verbunden. «Noch 1920 waren
35 Prozent der älteren Menschen unterstützungsbedürftig», weiss François Höpflinger. Wer nicht wohlhabend war, familiär gut eingebettet oder sozial höhergestellt, hatte selbst irgendwie für seinen Lebensunterhalt zu sorgen – so lange wie möglich. «Die wirtschaftliche Lage älterer Menschen wurde bis ins 20. Jahrhundert primär durch ihre Arbeitskraft, also die Fähigkeit zur Weiterarbeit, und ihre privaten Besitzverhältnisse bestimmt», erklärt Höpflinger. Und weiter: «Arbeit bis ‹ins Grab› war für die grosse Mehrheit der Bevölkerung ein unabdingbares Muss.» Zur Veranschaulichung: 1920 waren noch 60 Prozent aller über 70-jährigen Männer erwerbstätig. Liessen die Kräfte nach, führte dies in vielen Fällen zur Verarmung. «Am hohen Armutsrisiko alter Menschen änderte sich bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts nichts», so Höpflinger.

Die Grundannahmen, die in Publikationen und Gesprächen heute oft vorherrschen, implizieren: Wie wir älter werden, dafür sind wir selbst verantwortlich, wir haben es in der Hand und können es steuern. Das Wesen des Menschseins jedoch – die Conditio humana – wolle «nicht so recht ins Konzept der Selbstbestimmung passen», meint Seifert. Denn es beinhalte nicht zuletzt auch ein Angewiesensein
auf andere – sei dies als Kind, als kranker oder als älterer Mensch. Betrachte man diese Seite, gehe es – entgegen dem gängigen Altersbild – plötzlich um Verlust. Um den Verlust der eigenen Gesundheit,
den Verlust an Lebensqualität, den Verlust von nahestehenden Menschen …, schliesslich gar um den Verlust des eigenen Lebens. Doch Krankheit und Tod haben wir laut Seifert «nahezu privatisiert». Mit Trauercafés und ähnlichen Angeboten versuchen wir, den Umgang mit Verlust wieder in die Gesellschaft zu bringen.

AGEISM REDUZIEREN

Die beiden Alternsforscherinnen Susanne Wurm von der Universitätsmedizin Greifswald und Anna
E. Kornadt von der Universität Luxembourg haben in einer Studie die Sichtweisen auf das Alter und
das Altern der 18- bis 85-Jährigen untersucht und festgestellt: Menschen versuchen bis ins hohe Alter,
sich von der Gruppe der alten Menschen abzugrenzen. Sie wollen zwar lange leben, aber nicht alt sein.
«Wir sollten kritisch reflektieren, ob unser gesellschaftlicher Fokus auf Jugend und die Vermeidung von Alter(n) angebracht ist oder vielmehr Ausdruck eines verbreiteten Ageismus, also negativer Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen in Bezug auf das Alter und ältere Menschen», schreiben sie. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels sei es «eine gesellschaftliche Kernaufgabe, (…) auch
Ageismus zu reduzieren, um gutes Älterwerden zu fördern».

Genau hier setzt das Forschungsprojekt «Jedes Alter zählt» des Healthy Longevity Center und des Zentrums für Gerontologie an der Universität Zürich an. Es hat zum Ziel, Altersdiskriminierung sichtbar zu machen und gleichzeitig die Altersvielfalt aufzuzeigen. Dafür sammelt es Erfahrungen aus der Bevölkerung. In einem Online-Formular können persönliche Begebenheiten geschildert werden, die dann anonym Eingang in die Forschung finden.

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