«Es ist ein guter Tipp, ein Handwerk zu betreiben»
Sandra Oppikofer und Martin Furrer im Interview
Wie wirken sich handwerkliche Tätigkeiten auf die Gesundheit und das Wohlbefinden von Menschen aus? Ein Gespräch mit Sandra Oppikofer vom Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich.
Interview und Foto: Robert Bösiger
Frau Oppikofer, wir reden über Handwerk und was dieses bewirken kann. Sie selber arbeiten beruflich hauptsächlich mit dem Kopf und am PC. Würden Sie gerne mehr mit Ihren Händen machen?
Sandra Oppikofer: Ja, und ich arbeite auch gerne mit den Händen. (Sie zeigt auf ein Bild in ihrem Büro.) Dieses Bild habe ich gemalt und es hat mir Freude bereitet. Auch wenn man keinen handwerklichen Beruf ausübt, kann man in seiner Freizeit diese Seite des Menschseins bedienen.
Kann Handwerk unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden positiv beeinflussen?
Menschen sind sehr unterschiedlich. Deshalb kann man nicht generell sagen, ob Handwerk die Gesundheit und das Wohlbefinden einer einzelnen Person positiv beeinflusst. Um dies zu verstehen,
hilft das aktuelle Verständnis von Lebensqualität und Gesundheit der WHO. Gesundheit wird heute nicht mehr als Gegenteil von Krankheit betrachtet. Sie wird als dynamischer Prozess über die Lebensspanne verstanden, in welchem die funktionalen Fähigkeiten, die physischen und psychischen Kapazitäten einer Person, ihre Werte und individuellen Vorlieben sowie ihr Lebenskontext eine Rolle spielen. Ein Beispiel: Auch wenn eine Person an Diabetes leidet und auf den Rollstuhl angewiesen ist, kann sie in diesem Verständnis als gesund betrachtet werden, sofern sie noch die Dinge tun und lassen kann, die für sie bedeutsam und wichtig sind – wie vielleicht regelmässigen Besuch von den Enkelkindern empfangen und mit Freunden jassen.

«Gerontologische Lebensqualitätsforschung» am
Healthy Longevity Center der Universität Zürich. Das Zentrum sensibilisiert für gerontologische Fragen und fördert den Austausch zwischen Forschung, Praxis und älteren Menschen.
Also wird auch Lebensqualität von Mensch zu Mensch individuell definiert?
Die Lebensqualität einer Person setzt sich aus unterschiedlichen Faktoren zusammen. Für jemand
sind soziale Beziehungen und Familie zentral, für jemand anders ist es am wichtigsten, frei von Krankheiten zu sein und sich sportlich betätigen zu können. Ein Dritter liebt das Zusammenleben
und den Umgang mit Tieren. Das heisst, bezogen aufs Handwerk: Wenn für jemand ein bestimmtes Handwerk bedeutsam ist, so hat es das Potenzial, positive Effekte auf die Lebensqualität
dieser Person zu haben und gesundheitsfördernd zu sein.
Kann Handwerk unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden positiv beeinflussen?
Menschen sind sehr unterschiedlich. Deshalb kann man nicht generell sagen, ob Handwerk die Gesundheit und das Wohlbefinden einer einzelnen Person positiv beeinflusst. Um dies zu verstehen, hilft das aktuelle Verständnis von Lebensqualität und Gesundheit der WHO. Gesundheit wird heute nicht mehr als Gegenteil von Krankheit betrachtet. Sie wird als dynamischer Prozess über die Lebensspanne verstanden, in welchem die funktionalen Fähigkeiten, die physischen und psychischen Kapazitäten einer Person, ihre Werte und individuellen Vorlieben sowie ihr Lebenskontext eine Rolle spielen. Ein Beispiel: Auch wenn eine Person an Diabetes leidet und auf den Rollstuhl angewiesen ist, kann sie in diesem Verständnis als gesund betrachtet werden, sofern sie noch die Dinge tun und lassen kann, die für sie bedeutsam und wichtig sind – wie vielleicht regelmässigen Besuch von den Enkelkindern empfangen und mit Freunden jassen.
«Eine Studie hat gezeigt, dass gemeinsam ausgeführtes
Handwerk soziale
Beziehungen und Teilhabe fördern kann.»
Gibt es Studien, die belegen, dass Handwerk positiv wirken kann, so dass man sich gesünder und zufriedener fühlt?
Die gibt es. Die meisten sind zwar Befragungsstudien und man kann deshalb keine Kausalitäten ableiten. Eine Studie hat gezeigt, dass gemeinsam ausgeführtes Handwerk soziale Beziehungen und
Teilhabe fördern kann. Beim Handwerk geht es ausserdem oft um Selbstwirksamkeit, um Selbstbestimmung und Autonomie. Das Selbstwertgefühl wird gestärkt und im besten Fall wird der
Stresslevel gesenkt. Diese Effekte wirken sich positiv auf die Lebensqualität aus.
Gelten die Erkenntnisse für das ganze Spektrum von Handwerk?
Nein, dies kann man nicht verallgemeinern. In Handwerksberufen wird man mit Stress und Druck umgehen müssen und eine Person mit schwerer körperlicher Arbeit wird physische Belastung erleben.
Ich habe gelesen, dass zum Beispiel das Stricken den Blutdruck senken, Depressionen und Angstzustände reduzieren soll …
Diese Studie ist mir bekannt, allerdings basiert sie vor allem auf Selbstauskünften und kann nicht verallgemeinert werden. Dies schliesst jedoch nicht aus, dass Stricken genau diese Effekte für eine einzelne Person haben kann.
Kann handwerkliches Tun auch als Demenzvorsorge dienen?
Studien deuten darauf hin, dass Personen mit höherer kognitiver Reserve ein geringeres Risiko haben, eine Demenz zu entwickeln. Solche Reserven sind das Ergebnis lebenslanger geistig anregender Aktivitäten. Dazu gehören Bildung, komplexe berufliche Tätigkeiten und kognitiv stimulierende Freizeitaktivitäten wie beispielsweise ein anspruchsvolles neues Handwerk. So gesehen ist es ein guter Tipp, ein Handwerk zu betreiben.
Was kann Handwerk sonst noch bewirken?
Es besitzt das Potenzial, sich in verschiedenen Bereichen positiv auszuwirken. Es kann das Gedächtnis,
die Aufmerksamkeit und Planungsfähigkeit fördern. Je nach Aktivität wird die Feinmotorik, die Hand-Augen-Koordination oder die Mobilität trainiert. Positive Emotionen wie die Stärkung des Selbstwertgefühls oder Stressbewältigung können hervorgerufen und in einer Gruppe kann Gemeinschaft und Austausch erlebt werden. Und ganz allgemein betrachtet kann hobbybetriebenes Handwerk Selbständigkeit stärken und Alltagsstruktur geben.
Handwerk wird – der Name sagt es – von Hand gemacht, teilweise seit Jahrhunderten fast unverändert. Ist es gerade das Althergebrachte und Handwerkliche, das im Zeitalter der digitalen
KI-Industrie die Menschen so sehr befriedigt?
Wer mit seinen Händen etwas schafft, ist selbstwirksamer
unterwegs, als wenn er durch KI etwas machen lässt. Man erhält ein sichtbares Ergebnis, das man selbst betrachten und anderen
zeigen kann. Dies kann mein Selbstwertgefühl stärken und mir Anerkennung und Wertschätzung bringen. Zugleich bietet Handwerk im Unterschied zu vielen KI-gestützten, digitalen
Tätigkeiten oft eine bewusst gewählte Langsamkeit und Ruhe, die als wohltuend erlebt wird.
«Wer mit seinen Händen etwas
schafft, ist selbstwirksamer
unterwegs, als wenn er durch KI etwas machen lässt.»
Sandra Oppikofer hat aufgezeigt, warum handwerkliche Tätigkeiten Körper, Geist und soziale Beziehungen ansprechen können. Martin Furrer erlebt diese Wirkung ganz praktisch: Beim Bau seiner Alphörner findet er Ausgleich, Freude und die Möglichkeit, mit seinen Händen etwas Eigenes zu schaffen.
«Es ist faszinierend, was aus Holz entstehen kann»

Martin Furrer (43) ist Feuerwehrmann und Alphornbauer in Rikon. Er hatte sich einst in den Kopf gesetzt, selber ein Instrument zu bauen.
Interview: Robert Bösiger, Foto: Christian Roth
Vor Jahren schon hat mich interessiert zu erfahren, wie ein Alphorn gebaut wird», sagt uns Martin
Furrer – genannt Tinu – und führt uns in sein Atelier. Der 43-jährige gelernte Sanitärmonteur ist seit 15 Jahren angestellt bei der Berufsfeuerwehr der Stadt Zürich. Sein Herz gehört einerseits der Familie, andererseits dem Alphorn. «Ich bin Vater zweier kleiner Kinder und habe eine geduldige Frau», sagt er.
Vor zehn Jahren begann er Alphorn zu blasen, weil ihm seine Frau eine Probelektion beim jetzigen Alphornlehrerund Profimusiker Markus Sahli geschenkt hatte. Tinu fand Gefallen.
«Damals habe ich mir in den Kopf gesetzt, selber ein Instrument zu bauen.» Sein Vater, ein Schreiner, war
skeptisch, doch er, Tinu, habe sich «zleid» nicht davon abbringen lassen. «Ich habe mich informiert, habe recherchiert und es einfach mal versucht», erzählt er.



Bis heute hat Tinu Furrer fünf Hörner gebaut. Qualität ist ihm wichtiger als Quantität. Die Arbeit in der
Werkstatt ist für Furrer ein schöner Ausgleich. Besonders gefällt ihm, dass er vom Fällen des Holzes über das Zusägen bis hin zur Verarbeitung zu einem klingenden Instrument immer dabei ist. «Es ist faszinierend zu sehen, was aus einem Stück Holz entstehen kann.» Mittlerweile hilft ihm sein Vater beim Drechseln und dabei, die Fertigkeiten des Schreinerns von Generation zu Generation weiterzugeben.
Wenn Furrer ein Alphorn für einen Kunden nach dessen Wünschen baut, wolle er diesem die ganze Geschichte des Instruments vermitteln. Deshalb erhalte dieser sogar die Koordinaten,
damit er an Ort und Stelle nachsehen kann, wo der Baum einst gestanden ist.
Mehr über seine Arbeit erfahren: chrummhoelzig.ch
Diese Artikel sind in unserem Magazin VISIT erschienen.

