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«Ich bin ein Umsetzer der Neugier»

Gespräch mit Kurt Aeschbacher

Fast vier Jahrzehnte lang hat Kurt Aeschbacher das Schweizer Fernsehen geprägt. Heute ist er theoretisch im Ruhestand, arbeitet aber weiter. Angetrieben wird er von seiner Neugier.

Text: Robert Bösiger, Fotos: Christian Roth

Gerade als wir bei seinem Haus im Zürcher Quartier Enge ganz in der Nähe des Quartier-Alterswohnheims Bürglipark Enge ankommen, parkiert er sein Auto – eine terminliche Punktlandung. Zusammen mit seinem Labradorhund Amelie erklimmt Kurt Aeschbacher ziemlich sportlich die Stufen hoch zum Hauseingang. «Ich gehe täglich gut anderthalb Stunden mit Amelie laufen», sagt er. Und ergänzt: «Das ist ganz wichtig für mich.» Dass der Mann ständig in Bewegung ist, jeden Morgen Yoga und regelmässig ein kleines Krafttraining praktiziert, sieht man ihm an.

Kurt Aeschbacher, als Sonntagskind im Oktober 1948 in der Berner Innenstadt geboren, ist locker und aufgestellt. Gleichzeitig räumt er ein, dass er eigentlich lieber selber Leute befrage, als interviewt zu werden. «Ich war ein wohlbehütetes Einzelkind», antwortet er auf die Frage nach seiner Kindheit und Jugendzeit. «Ich habe diese Zeit als sehr unkompliziert, aber auch als ziemlich unspektakulär in Erinnerung.» Auf den Strassen habe man Völkerball spielen und Schneehütten bauen können.

Als Schüler sei er wohl durchschnittlich gewesen, habe aber leidlich gut rechnen können. Nach der Matur weiss er zunächst nicht recht, wie es weitergehen soll. Weil er für ein Medizinstudium hätte Latein nachbüffeln müssen – «was mir gestunken hätte» –, schreibt er sich bei den Wirtschaftswissenschaften ein.

«Das Arbeiten war für mich nie ein Zwang, sondern immer eine Inspirationsquelle.»

In Basel lernt er Hans-Peter Ryhiner, den späteren Direktor von Basel Tourismus, kennen. Ryhiner ist es, der den jungen Ökonomen mit zur Organisation Grün 80 mitnimmt. Dieser Job sei zum schönsten Lehrblätz in seinem Leben geworden – und zur besten «Schule», auch mit Unvorhergesehenem zurechtzukommen. Aeschbacher ist als Vizedirektor zuständig für die Kommunikation und den Kontakt zu den Medien. Wir erinnern uns: die Gartenausstellung Grün 80 bei Basel lockte über drei Millionen Besuchende an, darunter auch die britische Königin Elisabeth II. samt Prinzgemahl Philip.

Auf dem Karussell nach oben

Nach vier Jahren im Dienste der Grün 80 möchte Kurt Aeschbacher auf eine längere Reise gehen. Doch als er vom «Karussell»-Team des Schweizer Fernsehens gefragt wird, ob er nicht zusammen mit ihnen etwas machen wolle, sagt er zu. «Ich hatte keine Ahnung, was da auf mich zukommt. Und Journalist war ich auch nicht.» Die Neugier war stärker als der Wunsch, auf Reisen zu gehen.

Heute wissen wir: Kurt Aeschbacher hat sich bei SRF sichtlich wohlgefühlt. Denn es wurden nach dem «Karussel» drei Dutzend Sendungen von «Grell-Pastell» und fast 800 Folgen «Aeschbacher» ausgestrahlt. Es habe ihn sehr gereizt, eine eigene Sendung von Grund auf zu gestalten und mitzuprägen, sowohl dramaturgisch als auch inhaltlich. Besonders spannend und herausfordernd war es, dass «jede Sendung ein Ereignis mit unbestimmtem Ausgang» war: «Ich habe vor allem mit ‹Grell-Pastelll› die Grenzen herkömmlicher TV-Sendungen sprengen wollen.» Weil man zuerst Mauern niederreissen müsse, um zu sehen, was sich dahinter verberge, erscheint er zur ersten Sendung in einem fleischfarbenen Ganzkörperanzug mit Feigenblatt, um das Publikum zu einer «Grenzwanderung zwischen Gut und Böse, zwischen Hell und Dunkel» einzuladen. In der Folge hat Aeschbacher des Öftern heisse Themen aufgegriffen: Pelztierhaltung, Aids, Homosexualität und dergleichen mehr.

Seit Ende 2018 ist Kurt Aeschbacher pensioniert. Wobei: «Diesen Ausdruck finde ich schrecklich!», ruft er aus und sagt: «Pensioniert heisst ja, dass man nichts mehr macht …» Es trifft zwar zu, dass auch er älter geworden ist – er ist nun 77-jährig. Aber: «Das Arbeiten war für mich nie ein Zwang, sondern immer eine Inspirationsquelle. Wenn ich gar nichts mehr machen und nur noch mit dem Hund spazieren gehen würde, dann würde etwas in meinem Kopf geschehen, was ich nicht möchte.»

«Ich habe meine Neugier nie verloren!», sagt Kurt Aeschbacher. Und tatsächlich deutet derzeit nichts darauf hin, dass er sich auf sein Altenteil zurückziehen möchte. Im Gegenteil, wie schon nur ein Blick in seine Agenda beweist: Proben im Theater Casino Zug, zusammen mit einem Orchester (wo er als Erzähler fungiert). Danach steht ein grosser Anlass mit alt Bundesrat Moritz Leuenberger in der Agenda. Zudem führt er regelmässig durch eine Matinee im Luzerner Kleintheater, beteiligt sich an Charity-Events, moderiert Talkrunden landauf, landab.

«Was möchten Sie sonst noch wissen?», fragt Kurt Aeschbacher und zählt gleich weiter auf: «Ich realisiere einen Podcast zum Thema Krebs, einen weiteren über HIV und eine Serie namens ‹Herzensgeschichte›. Daneben gebe ich als Besitzer und Verleger seit über einem Jahrzehnt das Magazin ‹50plus› heraus.»

Herr Aeschbacher, wie müsste man Ihren heutigen Beruf bezeichnen?
«Mein Beruf heisst: Umsetzer der Neugier.»

Es liegt angesichts dieser Fülle an Tätigkeiten und Mandaten auf der Hand, dass es daneben nicht noch viel mehr Platz hat: «Ich habe einen lieben Partner und gehe mit Amelie täglich laufen. Und ich sammle Kunst.»

Nur Tage nachdem wir Kurt Aeschbacher bei sich zuhause besucht hatten, ist er zusammen mit seinem Lebenspartner für sechs Wochen nach Argentinien verreist. Weshalb? «Ich werde täglich vier Stunden Privatunterricht nehmen, um endlich Spanisch zu lernen.» Praktisches Umsetzen der Neugier eben.

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