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«Die Zukunft wird besser und schlechter zugleich»

Gespräch mit Zukunftsforscher Georges T. Roos

Er gilt als einer der führenden Zukunftsforscher der Schweiz: Ein Gespräch mit Georges T. Roos über tiefgreifende Veränderungen, über Chancen und Risiken künstlicher Intelligenz – und warum wir trotz vieler Gefahren auch gute Gründe haben für Zuversicht.

Interview: Vanessa Simili, Fotos: Renate Wernli

Herr Roos, wenn Sie heute, zu Beginn von 2026, in die Zukunft schauen, was sehen Sie?
Georges T. Roos: Ich beschäftige mich mit der langfristigen Zukunft, also weniger damit, was ein neues Jahr bringen könnte. Mein Zukunftshorizont bewegt sich in Richtung 2040 oder 2050. Für diese Dimension von Zukunft sehe ich fünf grosse Transformationen, die uns beschäftigen werden: die digitale, die demografische, die ökologische, die biotechnologische und die geopolitische Transformation.

Das klingt nach sehr viel Transformation. Bleibt auch etwas gleich?
Als Zukunftsforscher beschäftige ich mich mit dem, was sich verändert. Natürlich bleibt vieles gleich. Zugehörigkeit zum Beispiel bleibt sehr wichtig, Familie, Freunde – und zwar ungeachtet dessen, wie wir die Formen von Zugehörigkeit zukünftig leben werden. Auch gesellschaftlich und wirtschaftlich gesehen werden wir in absehbarer Zeit keine fundamentalen Ordnungsänderungen erleben. Selbst die KI wird nicht derart viele Jobs wegradieren, wie das teilweise prophezeit wird.

Georges T. Roos (* 1963 in Basel) studierte an der Universität Zürich Pädagogik, Publizistik und Psychologie. Seit 20 Jahren beschäftigt er sich professionell mit den strategischen Zukunftsherausforderungen.

Und doch steht uns als Gesellschaft ein grosser Wandel bevor.
Der demografische Wandel etwa wird tiefgreifende Veränderungen bringen, ähnlich tiefgreifend wie die KI sie bringt. Er betrifft nicht nur die Schweiz und Europa, sondern die ganze Welt. Dies wird uns die nächsten 25 Jahre wesentlich beschäftigen. Ich habe den Eindruck, dass man sich des Ausmasses dieser Transformation in breiten Kreisen nicht bewusst ist.

Wenn wir als Thema die KI betrachten: Welche Veränderung bedeutet sie für ältere Menschen?
Wenn wir beispielsweise auf die Robotik schauen, dann bedeutet dies erst einmal viele Chancen. Es gibt immer mehr Systeme, die im Alltag helfen können, wie etwa das Exoskelett. Es wird eine ganze Reihe von intelligenten Assistenzsystemen im eigenen Zuhause geben. Der derzeitige und zukünftige Mangel an Fachkräften kann mit neuen Technologien zumindest teilweise ausgeglichen werden. In einem positiven Szenario würde dadurch sogar Zeit frei, die für die zwischenmenschliche Interaktion aufgewendet werden kann.

Ein Blick in die jüngere Geschichte zeigt, dass wir mit dem Einzug der Waschmaschine nicht mehr Zeit gewonnen haben, obwohl wir die Kleider nicht mehr am Brunnen waschen müssen. Wird diese Hoffnung auf «mehr Zeit» durch «mehr Technik» aufgehen?
Das Waschen geht heute doch viel schneller als vor 100 Jahren. Da sind wir uns einig. Nur ist es eben so, dass wir die Tendenz haben, die frei werdende Zeit sogleich wieder neu zu füllen. Wie wir sie füllen werden, das kann ich nicht voraussagen.

Heisst das, dass die Möglichkeit, effizienter zu werden, auch neue Fragen aufwirft?
Durchaus. Die Entwicklung könnte sogar zu einem Werte-Finetuning in der Gesellschaft führen. Quantität ist dann vielleicht nicht mehr die wichtigste Grösse. Qualität könnte eine wichtigere Rolle spielen. Diese Chance, neue Grössen zu definieren, haben wir. Ob wir sie nutzen, das ist eine andere Frage. Klar ist, dass wir ein Augenmerk darauf halten müssen, wie wir unsere gesellschaftlichen Werte durch die KI vertreten sehen. Wie lernt KI zum Beispiel Rücksichtnahme? Oder Privatsphäre? Wie gehen wir mit den Beeinflussungsversuchen um, mit Fake News?

Was heisst das für uns, ganz konkret?
Wir müssen uns fragen, welche Verantwortung wir ihr übergeben und welche wir behalten. Ein grosses Risiko sehe ich vor allem darin, dass sich ein falsches Verständnis breitmacht darüber, was KI ist.

Und das wäre?
In standardisierten Tests etwa hat man gemessen, dass KI über mehr Sozialkompetenz verfügt als die Studierenden der Psychologie, die als Vergleichsgruppe mitgemacht haben. Ähnlich ist es mit dem Humor. KI wurde, vereinfacht gesagt, in einem Test als humorvoller erlebt als professionelle Satiriker. Diese Leistungen verführen uns zu denken, KI sei emphatisch und habe menschähnliche Fähigkeiten. Dabei macht sie nichts anderes als hochleistungsstarke Wahrscheinlichkeitsberechnung. Sie denkt nicht und fühlt nicht. Ähnliches konnten wir mit dem Einsatz des Navigationsgeräts beobachten. Wir alle kennen
die Unfallmeldungen, bei denen jemand trotz fehlender Strasse geradeaus gefahren war, nur weil das Navi «geradeaus» sagte – und stattdessen auf einer steilen Treppe landete.

Wir vertrauen also blind einem Gerät und der KI statt unserer Wahrnehmung?
Die Sache ist noch komplexer. Bisher dachten wir, ein Bild sei ein klarer Beweis. Nun gilt es zu lernen, dem, was wir sehen, zu misstrauen. Nur weil es echt aussieht, heisst es nicht, dass es wahr ist. Das ist gegen die Intuition. Die junge Generation misstraut schon viel mehr. Ältere Menschen können das noch lernen.

Und wie lernt man das?
Auch hier, wie überall im Leben, hilft Erfahrung. Mit der Zeit entwickelt man selbst im digitalen Raum ein Sensorium dafür, was vertrauenswürdig ist und was nicht. Wenn eine Quelle sich über eine längere Zeit als vertrauenswürdig erweist, zeigt die Erfahrung, dass sie das Vertrauen womöglich auch verdient hat.

«Ältere Menschen werden in die Mitte der Gesellschaft rücken.»

Worauf kann man sich denn in einer digital geprägten Welt verlassen?
In der anthropologischen Grundkonstante bleiben wir Menschen. Wir brauchen das Kollektiv, Berührung; wir brauchen menschliche Kontakte, Austausch. Zwar nimmt Einsamkeit in einer digitalen Welt zu. Aber digitale Medien können auch aus der Einsamkeit führen.

Sie werden als Zukunftsoptimist bezeichnet. Jetzt verstehe ich auch, weshalb.
Ein Pessimist blendet aus, was alles besser werden könnte. Ein Optimist ist einer, der die negativen Seiten ausblendet. Ich bin beides nicht. Ich glaube daran, dass die Zukunft besser und schlechter zugleich wird. Es kommt nur darauf an, was wir damit machen. Ob wir die Möglichkeiten, die sich eröffnen, tatsächlich für eine gute Zukunft nutzen. Deshalb würde ich selbst mich als Possibilist bezeichnen.

«Ich glaube daran, dass es möglich ist, eine gute Zukunft zu schaffen.»

Können Sie das erläutern?
Der schwedische Arzt Hans Rosling definiert einen Possibilisten als jemanden, der daran glaubt, dass es möglich ist, eine gute Zukunft zu schaffen. Damit identifiziere ich mich. Die Menschen haben ein enormes Potenzial. Und es gibt ein mentales Setting, das hilfreich ist, es auch zu aktivieren.

Und das wäre?
Zuversicht. Die ist wichtig, weil sie Potenziale freilegt. Ein Pessimist ist gelähmt, mit Lähmung machen wir keine Zukunftsgestaltung.

Welche Chance sehen Sie in einer Zukunft, die demografisch älter wird?
Mehr Gelassenheit. Kollektiv gesehen nimmt die Gelassenheit mit den Lebensjahren zu. Weil es zukünftig mehr Leute mit mehr Lebensjahren gibt, kann man Gelassenheit vielleicht auch in der Gesellschaft stärker spüren.

Wie wird sich der Alltag verändern aufgrund des demografischen Wandels?
Es wird mehr Menschen geben, die mehr Freizeit haben, die reisen. Die vermehrt auch gemeinnützige Tätigkeiten ausüben. Gleichzeitig könnte es einen Generationenkonflikt geben, je nachdem, wie sich die Wohlstandsentwicklung zeigt. Verteilkämpfe könnten zunehmen. Ich sehe das aber nicht als wahrscheinliches Szenario am Horizont. Dadurch, dass ältere Menschen die schnellstwachsende Gruppe sind, wird das Angebot auf dem Markt mehr auf sie ausgerichtet. Sie werden in die Mitte der Gesellschaft rücken. Gleichzeitig werden Kinder und Jugendliche «kostbarer».

Das klingt tendenziell vielversprechend und positiv.
Natürlich stehen wir vor grossen Herausforderungen. Davon erfahren wir täglich in den Medien. Gerade deshalb braucht es eine Moderation des eigenen Umgangs mit Nachrichten. Bücher lesen etwa hilft. Sich weiterbilden und sich in eine Sache vertiefen. Spaziergänge im Wald. Familienfeste.

Dass Sie auch Tipps zur Lebensführung nennen, hätte ich nicht erwartet. Haben Sie noch weitere?
Ich bin selbst etwas überrascht, dass ich Ratschläge formuliere. Mein Standpunkt als Forscher ist sonst eher ein beobachtender, analytischer. Aber ein weiterer Rat könnte sein: Sich vornehmen, jeden Tag nach positiven Nachrichten zu suchen.

Was macht Ihre Arbeit aus?
Ich möchte gern wissen, was «the next big thing» ist, das nächste grosse Ding – wie es einst zum Beispiel die Dampfmaschine war. Als Menschheit sind wir bereits in der Lage, aufgrund des biotechnologischen Fortschritts der Natur ein Upgrade zu geben. Dies etwa, um Genfehler beim Menschen zu korrigieren, resistentere Mais- oder Weizensorten zu züchten oder zur Entwicklung von Baumaterialien. Ich glaube, die nächste grosse Errungenschaft kommt aus dem biotechnologischen Bereich.

Birgt das nicht auch grosse Gefahren?
Natürlich! Sie können einen einfachen Hammer als Waffe brauchen, wenn Sie das wollen.

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