Wenn Grenzen im Alter überschritten werden

Gespräch mit Franziska Marty

Grenzüberschreitungen bei der Betreuung von älteren Menschen sind Realität. Was lässt sich dagegen tun? Ein Gespräch mit Franziska Marty von der Unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter.

Interview: Stefan Boss, Fotos: Renate Wernli

Frau Marty, sind Sie schon über einen Zaun geklettert oder haben eine Tür geöffnet, obwohl es verboten war?
Franziska Marty: Als Kind habe ich dies sicher getan, ich weiss es nicht mehr genau. Nun kürze ich manchmal ab beim Überqueren des Fussgängerstreifens, das sollte man ja auch nicht tun.

Hier soll es um Grenzüberschreitungen im übertragenen Sinn gehen: Wenn man starken Druck auf andere ausübt, sie respektlos behandelt oder gar beleidigt. Warum kommt dies im Umgang mit
älteren Menschen so häufig vor?

Weil sie oft sehr verletzlich sind. Grenzüberschreitungen gibt es insbesondere bei Menschen mit körperlicher oder kognitiver Einschränkung. Etwa, wenn sie auf Betreuung angewiesen sind und/oder unter Demenz leiden. Oft sind die betreuenden Angehörigen überfordert. Häufig meint man, dies betreffe ausschliesslich körperliche Gewalt. Es geht aber auch um Fälle wie folgende: Jemand macht für seine Mutter die Finanzen und informiert sie nicht mehr, um zu vermeiden, dass sich die Mutter Sorgen macht. Diese möchte aber wissen, was mit ihrem Geld geschieht. Oder Kinder finden, ihre Mutter oder ihr Vater sollten gegen deren eigenen Willen ins Pflegeheim eintreten. Mit solchen Themen sind wir als unabhängige Beschwerdestelle für das Alter oft konfrontiert.

Porträt Franziska Marty
Franziska Marty ist Geschäftsführerin der Unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter (UBA) in Zürich. Nach ihrem Betriebswirtschaftsstudium war sie im Finanzbereich tätig und Gemeinderätin in Obfelden. Später leitete sie die Beratungsstelle für das Alter im Knonaueramt sowie das Pflegezentrum Sonnenberg in Affoltern am Albis.

Wie sehen mögliche Lösungen aus?
Wenn jemand schon im Pflegeheim ist, organisieren wir zum Beispiel einen runden Tisch mit allen Beteiligten. Oder wir zeigen, welche Möglichkeiten es gibt, sich zu Hause pflegen zu lassen und einen
Heimeintritt zu vermeiden oder hinauszuzögern. Gerade ältere Menschen haben am Anfang Mühe, Hilfe von aussen zuzulassen. Dem versuchen wir entgegenzuwirken. Generell stellen wir das Wohl der betroffenen Person ins Zentrum und versuchen herauszufinden, was diese will.

Häufig geschehen Grenzüberschreitungen ohne böse Absicht, zum Beispiel aus Überforderung, wie Sie sagten. Weshalb?
Nicht selten werden bei der Pflege von Demenzkranken Grenzen verletzt. Auf einmal kann die Partnerin oder ein Elternteil vieles nicht mehr, was kürzlich noch möglich war. Die betreuenden Menschen realisieren nicht, wie schnell die Krankheit voranschreitet. Das kann dazu führen, dass man jemanden anschreit oder etwa zwingt, unter die Dusche zu stehen. Oder dass man ihn an einen Stuhl bindet, damit er nicht immer wieder aufsteht, sondern am Tisch bleibt und isst. Es kann auch zu bewusster oder unbewusster Vernachlässigung kommen. Wir hatten zum Beispiel einen Fall, bei dem ein älterer Mann nicht realisierte, dass seine Frau zu wenig Wasser trank. Sie lag bloss noch im Bett und litt unter Wundliegen, sogenanntem Dekubitus. Der betreuende Ehemann war der Meinung, er wolle seine Frau nicht ins Pflegeheim geben, er habe ihr versprochen, sie zu Hause zu pflegen. Das war ein Fall von unbewusster Vernachlässigung. Oder ein anderes, kleines Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung, es liegt schon länger zurück: Meine Mutter pflegte ihre Mutter (also meine Grossmutter) bei uns zu Hause. Manchmal sprach sie mit ihr wie mit einem kleinen Kind. Was hätte ich damals als junger Erwachsener unternehmen können? Ich hätte die Mutter mal beiseitenehmen können, um ihr meine Beobachtung zu spiegeln. Zudem hätte ich darauf hinweisen können, dass die Grossmutter zwar alt ist, aber nicht zwingend urteilsunfähig. Pflegende brauchen eine grosse Portion Geduld.

« Pflege bis zum Lebensende kann zu einer grossen Überforderung führen.»

Meine Mutter hatte meiner Grossmutter ebenfalls versprochen, sie bis zum Lebensende zu pflegen.
Ja, das gibt es häufig. Doch Pflege bis zum Lebensende kann zu einer grossen Überforderung führen. Man sollte sich als Angehörige eingestehen, dass man nicht alles übernehmen kann und externe Unterstützung braucht. Oft tut man dies aus finanziellen Gründen nicht, aber es gibt zum Beispiel Ergänzungsleistungen oder die Hilflosenentschädigung der AHV, diese übernimmt auch zu Hause einen Teil der Kosten. Wichtig ist, dass man sich rechtzeitig informiert und Hilfe holt. Es gibt die Spitex, es gibt Tageskliniken – nicht immer braucht es ein teurer Heimeintritt zu sein.

Kommt es heute zu mehr Grenzüberschreitungen als noch vor 20 bis 30 Jahren? Oder redet man einfach mehr darüber?
Man spricht mehr darüber. Drei Viertel der Fälle, die uns gemeldet werden, geschehen im häuslichen Umfeld. Das Thema ist jedoch noch immer schambehaftet. Oft will man den Ruf der Familie nicht gefährden und macht deshalb keine Meldung.

Gibt es Warnsignale dafür, dass man als Angehörige gegenüber einem älteren Menschen zu weit gegangen ist?
Meistens realisiert man die Grenzüberschreitungen selber. Man fühlt sich sehr erschöpft und kann seine eigenen Bedürfnisse nicht mehr wahrnehmen. Oder man traut sich vielleicht nicht mehr, von zu Hause wegzugehen. Deshalb ist es wichtig, auf die Meinung von Drittpersonen zu hören und die Hilfe von Fachpersonen beizuziehen.

Ein Viertel der bei Ihnen gemeldeten Fälle betrifft Institutionen. Um welche Themen geht es?
Der Missbrauch von Medikamenten ist ein grosses Thema. Für Heime ist es eine erhebliche Herausforderung, etwa Demenzkranke zu betreuen. Wie viele Medikamente zum Beruhigen soll man solchen Personen verabreichen? Es kann auch Meinungsverschiedenheiten geben mit oder zwischen
Angehörigen. Nicht selten brechen alte Familienkonflikte wieder auf. In jedem Fall lohnt es sich,
frühzeitig einen runden Tisch zu organisieren, um mögliche Lösungen auszuloten. Unsere Fachpersonen,
Ärztinnen, Pflegende oder Mediationsspezialisten sind jeweils mit von der Partie.

Gibt es bei der Pflege durch eine Ehepartnerin oder einen Lebenspartner andere Schwierigkeiten
als zwischen erwachsenen Eltern und Kindern?

Nein, im Prinzip nicht – ausser dass pflegende Partner in der Regel ebenfalls ein fortgeschrittenes Alter aufweisen. Grenzüberschreitungen gibt es aber auch bei der Pflege durch andere Angehörige. Häufig
im Zusammenhang mit einer Demenz. Stellen Sie sich vor, Personen mit einer solchen Krankheit
haben einen gestörten Tag- und-Nacht-Rhythmus. Sie sind oft die ganze Nacht auf den Beinen – da
kann man in der Betreuung schon an seine Grenzen kommen. Man sollte sich jedoch bewusst sein, dass
demente Personen vieles noch realisieren, etwa wenn jemand in abschätzigem Tonfall spricht.

Dieser Artikel ist in unserem Magazin VISIT erschienen.

Falls Sie selber mit Grenzüberschreitungen kämpfen oder einem betroffenen Mitmenschen helfen möchten: Hier finden Sie vertrauenswürdige Beratung und nützliche Informationen.

Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter (UBA)

Sie hat ihr Büro in Zürich und bietet niederschwellig Hilfe für ältere Menschen bei Konflikten in Pflege, Wohnen, Finanzen und Familie. An die UBA wenden sich neben betroffenen älteren Menschen auch Angehörige und Behörden. Die UBA ist zuständig für die deutsche Schweiz; in der Romandie und im Tessin gibt es ähnliche Institutionen. Alle drei sind verbunden über das nationale Kompetenzzentrum Alter ohne Gewalt.
uba.ch

Opferberatung Zürich

Opfer von Gewalt, etwa häuslicher oder sexueller Gewalt, können sich auch an diese Stelle wenden. Die Konsultationen sind wie bei der UBA unentgeltlich.
obzh.ch

Kantonspolizei

Weitere wichtige Anlaufstelle bei Notfällen, Telefon-Notruf 117.

Aktionsprogramm zur Prävention von Gewalt im Alter

Das vom Bund lancierte Programm ist für die Jahre 2026 bis 2030 geplant und soll alle Akteure der Altersarbeit einbinden.
bsv.admin.ch/alter-ohne-gewalt

Ratgeber Gewalt und Missbrauch im Alter

Pro Senectute Schweiz hat einen Ratgeber rund um Gewalt und Missbrauch im Alter zusammengestellt.
prosenectute.ch/gewalt

Visit Probenummer bestellen

Ich möchte Visit gerne kennenlernen. Jetzt Probenummer bestellen.

Wie sich der Blick aufs Alter wandelt

Wie hat sich das Altersbild in den vergangenen hundert Jahren verändert?